Illustration: Franziska Kuo
Illustration: Franziska Kuo

Die schöne Fee auf dem Mond

Am 15. Tag des 8. Monats nach dem Mondkalender saßen nachts hunderte von Elben am Waldrand auf einer Wiese und betrachteten seit Stunden fasziniert den goldgelb gefärbten Vollmond am Himmelszelt. Die Elben tranken Wein, spielten auf Saiteninstrumenten und sangen meditative Lieder, rezitierten Mondgedichte und verzehrten genüsslich selbstgebackenen Mondkuchen.
Alle Tiere im Wald kamen herbei und freuten sich über das Ereignis. Die wenigsten aber kannten den Anlass. Eine Elbe ergriff deshalb das Wort: „Heute feiern wir das Mondfest.“
Die Tiere legten sich ins Gras und lauschten erwartungsvoll der Elbe, die mit sanfter Stimme fortfuhr: „In dieser Mondnacht kann man am deutlichsten die schöne Fee namens Chang-E im Mond sehen. Im Palast der Ewigen Kälte hat sie ihren Wohnsitz. Chang-E war die Frau des Bogenschützen Ho-Yi. Dieser beendete einst eine tödliche Dürre auf der Erde. Er bestieg den Gipfel des Kunlun-Berges und schoss neun der damaligen zehn Sonnen mit seinem mächtigen Bogen vom Himmel ab. Er befahl der letzten Sonne, jeden Tag pünktlich auf- und unterzugehen. Chang-E und Ho-Yi lebten glücklich miteinander bis Ho-Yi eines Tages beschloss, den Unsterblichkeitstrank von der Königin des Westens zu erbitten. Er wollte ewiges Glück. Nach mancherlei Abenteuern erhielt er das Zauberelixier. Chang-E und Ho-Yi sollten den Trank am Vollmondabend des 15. Tages im 8. Monat zu sich nehmen. Am Nachmittag dieses Tages wurde aber Ho-Yi von einem seiner Bogenschützen-Schüler hinterhältig erschossen. Der Mörder wollte die schöne Chang-E besitzen und den Zaubertrank stehlen. Voller Panik lief Chang-E um ihr Leben. Bestürzt schluckte sie den Trank. Nun war sie unsterblich. Während sie flüchtete, hob sich ihr Körper vom Boden. Sie wurde leicht wie eine Feder und begann wie eine Wolke zu schweben. Sie stieg empor bis sie zum Mond kam. Auf dem Mond lebten bereits zwei Wesen: ein weißer Jadehase und ein Holzfäller. Beide hatten ein prächtiges Schloss aus Schnee und Eis gebaut. Sie luden Chang-E in das Schloss ein. Seitdem wohnte auch sie dort. Chang-E widmete sich der Aufgabe, mit jedem Strahl des Mondscheins den Menschen Trost, Fröhlichkeit, Liebe und Glück zu bringen. Seither wird überall im Reich der Mitte, aber auch bei uns im Elbenland das Mondfest gefeiert. Kommt alle und esst mit uns den Mondkuchen. Der runde Kuchen soll uns allen den Zusammenhalt schenken und uns mit Glück und Liebe erfüllen bis zum nächsten Jahr.“
Begeistert schlemmten die Elben und alle Tiere des Waldes den köstlichen Mondkuchen. Sie blickten zum Mond hinauf bis in die tiefe Nacht hinein. Chang-E und der Jadehase winkten der Festgesellschaft zu und schickten Sternschnuppen zur Erde.
Der Mond wurde immer blasser und der Tag brach an. Es blieb jedoch der Duft von Harmonie und des Friedens, bis sich genau in einem Jahr die Elben und die Tiere des Waldes am gleichen Ort wieder trafen.

© by Hermann Bauer


Illustration: Franziska Kuo