Illustration: Franziska Kuo
Illustration: Franziska Kuo

Die ersten grauen Haare

Auf dem Küchentisch lag ein Zettel, auf dem „Samstag, 9:30 Uhr, Friseur“ stand. Ich trank noch einen Schluck Tee und hastete dann zum Friseur um die Ecke.
Ich hätte mich gar nicht so zu beeilen brauchen, denn als ich den Friseursalon betrat, war Herr Torns, mein Friseur, gerade noch dabei, einem Kunden die Haare zu fönen.
Die Einrichtung des Ladens war sicher schon dreißig Jahre alt. Es roch nach allen möglichen Düften, und aus den Lautsprechern der Musikanlage tönte dezent im Hintergrund klassische Musik.
Ich nahm eine Illustrierte in die Hand und vertiefte mich in eine Story. Die Geschichte hätte ich gerne noch zu Ende gelesen, doch Herr Torns sprach mich an: „So, bitte schön, nehmen Sie doch Platz.“
Viel brauchte ich dem Friseur zum Schnitt nicht sagen, denn er kannte mich seit Jahren und wusste über meine Wünsche bestens Bescheid. Er band mir ein braunes Tuch um und wusch meine Haare. Was ich besonders an ihm schätzte, war, dass er den Schaum mit genau dem richtigen Druck minutenlang in die Hopfhaut einmassierte. Da ließ er sich wirklich Zeit.
In diesen Momenten vergaß ich die Alltagshektik, und die sanfte Massage stimmte mich auf ein schönes Wochenende ein.
Auch staunte ich immer wieder, mit welcher Eleganz und Schnelligkeit er mit Schere und Kamm umging. Meine Locken fielen auf das Tuch. Ich schaute in den Spiegel und fand beim Anblick meines Doppelkinns, dass ich unbedingt einige Kilo abnehmen sollte. Auch die Augenringe und vielen Falten waren alles andere als attraktiv. Ich nahm ein Büschel Haare in die Hand und erschrak, als ich sah, wie viele graue Haare ich mittlerweile hatte.
Herr Torns beobachtete mich und sagte: „Ja, ja, die grauen Haare werden jetzt immer mehr.“
Ich antwortete ihm: „Das kommt bestimmt von den vielen Sorgen, die ich habe, und dem Ärger, dem ich permanent ausgesetzt bin.“
Da lachte der Friseur und meinte spitzbübisch: „Jedes graue Haar symbolisiert eine glückliche Stunde.“
„Davon habe ich aber bis jetzt nicht viel gemerkt“, entgegnete ich.
Der Friseur sagte darauf philosophisch: „Bei zuviel Glück wird alles zur Gewohnheit. Sie müssen das Leben positiver sehen.“ Da hatte er sicher Recht. Ergänzend meinte er: „Jeder Glatzkopf würde viel Geld dafür zahlen, wenn er graue Haare haben könnte.“
Ich träumte vor mich hin und dachte über seine Worte nach. Vielleicht hatte ich zu diesem Zeitpunkt auch eine kleine Krise. Bei jedem Friseurbesuch rüttelte mich Herr Torns wieder auf. Er schaffte es jedes Mal, und ich bewunderte seinen grenzenlosen Optimismus, seine Ruhe, die er ausstrahlte, und die nette Unterhaltung, die er mir bot.
Zum Schluss massierte er mir noch eine erfrischende und kühlende Tinktur auf die Kopfhaut.
Ich sagte zu ihm: „Sie wären sicher auch ein guter Masseur geworden.“
Er nickte und belehrte mich: „In Asien ist es selbstverständlich, dass der Friseur z.B. auch den Nacken massiert. Auch früher, als der Friseur noch ein ,Bader‘ war, war die Auswahl der angebotenen Dienstleistungen viel größer als heute...“
Als ich an der Kasse zahlen wollte, überraschte mich mein Friseur, indem er sagte: „Das war heute Ihr letzter Besuch bei mir, da ich aufhören möchte. Ich habe lange genug gearbeitet. Der Laden wird von meinem Nachfolger völlig renoviert. Die Eröffnung ist dann in etwa drei Monaten.“ Er griff unter die Theke, überreichte mir ein kleines Abschiedsgeschenk, lächelte mich an und sagte: „Zahlen brauchen Sie heute nichts, Sie sollen mich in guter Erinnerung behalten.“
„Das werde ich“, sagte ich gerührt, bedankte mich und wünschte ihm alles erdenklich Gute und vor allem Gesundheit für seine Zeit als Neu-Rentner.
Monate danach ließ ich mir bei seinem Nachfolger die Haare schneiden. Ein junger, dynamischer Typ in einem nicht mehr so gemütlichen, aber dafür modernen Friseurladen, der jetzt „Carlos Haarstudio“ hieß, bediente mich zu meiner vollsten Zufriedenheit – mit Ausnahme des Preises, der war nämlich doppelt so hoch wie früher.
Statt der bisher gewohnten dezenten Musikberieselung hämmerten jetzt Bässe einer aggressiven Musik auf mich ein, was mich aufkratzte und nervös machte.
Ich erzählte dem Friseur – pardon – Coiffeur Carlo, dass ich fast zwei Jahrzehnte bei seinem Vorgänger Kunde gewesen sei und das positive Denken an ihm so geschätzt habe.
Carlo unterbrach mich nicht bei meinen Lobeshymnen auf seinen Vorgänger. Als ich zu Ende erzählt hatte, sagte er mit betrübter Stimme: „Jetzt muss ich Ihnen eine traurige Mitteilung machen, da Sie es anscheinend noch nicht wissen. Herr Torns ist vor einer Woche gestorben. Er hatte Aids. Deshalb hörte er frühzeitig auf. Er war doch noch gar nicht so alt, um in Rente zu gehen.“
Ich merkte, dass ich etwas tiefer in den Sessel rutschte – diese Neuigkeit traf mich schwer.
Auf dem Heimweg machte ich mir Vorwürfe, mit meinen kleinen Problemchen, die lediglich schlechte Stimmungen waren, Herrn Torns immer belästigt zu haben. Welche Kraft musste dieser Mann gehabt haben, dass er imstande gewesen war, trotz seiner schweren Krankheit – und den Tod vor Augen – noch anderen Menschen Trost zu spenden und Mut zu machen. Er vermittelte nicht nur mir, sondern all seinen Kunden das positive Denken und gab uns allen Lebenshilfen mit auf den Weg. Er war ein hervorragender Psychologe des kleinen Mannes.
Seit dieser Zeit bin ich nicht mehr wehleidig und jammere auch nicht mehr über Nichtigkeiten. Selbst größere Belastungen oder Probleme könnten mich heute nicht mehr aus der Bahn werfen.
Herr Torns wird mir in meinem zukünftigen Leben ein gutes Vorbild bleiben, und wer weiß, vielleicht kann auch ich einmal diese im Grunde genommen einfachen Weisheiten einem, der sie dringend braucht, weiter
geben.

© by Hermann Bauer