Interview mit einem Kirchturm

Irgendwo in Deutschland: Ein 55 Meter hoher Kirchturm, erbaut im neugotischen Stil, blickt seit über 200 Jahren über ein 3000-Seelen-Dorf. Durch seine viereckige Statur konnte er immer in alle Himmelsrichtungen blicken. So entkam ihm nichts. Er sah durch Mauern in die Wohnstuben hinein und hörte alles. Oft wünschte er, er hätte die eine oder andere Szene nicht beobachten brauchen …

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Wie fühlt man sich als Dorfältester?

Kirchturm:
Ich bin doch nicht der Dorfälteste! Es gibt einige Bäume und Gebäude in dieser Gegend, die standen schon da, als ich erbaut wurde. Ganz zu schweigen von den vielen Steinen, die schon Millionen Jahre alt sind. Die Steine machen sich immer über die Museen lustig, in denen Antiquitäten von läppischen hundert oder tausend Jahren liegen, die von den Bürgern mit Ehrfurcht betrachtet werden. Auf die Steine wird nicht geachtet – sie sind die wirklichen Kunstwerke dieser Welt, alle sind individuell und verschieden abgeschliffen, und die werden mit Füßen getreten.

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Wie geht es Ihnen mit Ihren stattlichen 200 Jahren gesundheitlich?

Kirchturm:
Kalte und nasse Füße habe ich. Vom Fundamentbau hatten die damaligen Architekten und Baumeister noch keine Ahnung. Nachdem das Dorf seit ungefähr 40 Jahren eine Kanalisation hat, sank auch ständig der Grundwasserspiegel. Das ist gut so. Denn früher hatten viele Häuser und auch ich bei wochenlangen Regenfällen Wasser im Keller. Hin und wieder fallen mir einige Schuppen oder Haare vom Kopf. Alle paar Jahrzehnte bekomme ich einen Riss durch den Körper, der auch meine inneren Organe verletzt. Meine Haut wird hin und wieder mit Farbe behandelt. Außen hui, innen pfui!

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Können Sie das genauer definieren?

Kirchturm:
Das ist wie in der Medizin. Es ist einfach, bei Kopfschmerzen eine Tablette zu nehmen. Wichtiger wäre es, die Ursache der Schmerzen zu ergründen, und dann gezielt zu heilen. In meinem Fall werde ich an der Außenwand mit weißer Farbe bestrichen, die gefährlichen Risse im Inneren bleiben aber.

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Leiden Sie unter den extremen Temperaturunterschieden von
- 20 Grad bis + 30 Grad, wochenlangem Regen- und Schneefall?

Kirchturm:
Es gibt kein schlechtes Wetter – es gibt nur schlechte Kleidung. Dies trifft für Menschen zu. Für mich als Turm reicht es, dicke Mauern und ein Dach zu haben, um den Regen abzuhalten.

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Verraten Sie uns Ihre schönsten Erlebnisse, die Sie hatten?

Kirchturm:
Sie denken sicher an Geburt und Hochzeiten – das ist aber nicht so. Das schönste ist immer wieder, wenn man das unbekümmerte und fröhliche Lachen der Menschen hören darf. Das Lachen vertreibt die kleinen Sorgen, die manch einen plagen.

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Sicher hatten Sie auch unschöne Sachen erlebt.

Kirchturm:
Am schlimmsten waren die Kriege. Aber auch die Ungerechtigkeit und Arroganz, die von den mächtigen Großbauern und Adeligen ausging. Die einfachen Knechte und Mägde, die oft sehr liebe, fleißige und gute Menschen waren, litten sehr darunter und waren häufig sehr verzweifelt. Aussicht auf Besserung bestand damals nicht. Diese Situation hat sich heute gebessert. Mittlerweile kann jeder seine Chance wahrnehmen. Es gibt so gut wie keine Klassenunterschiede mehr.

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Sind Ihnen Geheimnisse bekannt, die das Dorf betreffen?

Kirchturm:
Oh, ja! Viele haben ihr Wissen mit ins Grab genommen. Ein Wirt z.B., der vor über 100 Jahren Juwelen und Diamanten, die er der reichen Baronin entwendet hatte, in den dicken Mauern seines Weinkellers einbetonierte. Sicher wird der millionenschwere Schatz bei Renovierungsarbeiten eines Tages zum Vorschein kommen. Ein Handwerker hat etwa zur gleichen Zeit in seinem Hackstock Golddukaten versteckt. Seine Nachfahren, die heute sehr ärmlich leben, hacken ihr Holz immer noch auf dem gleichen Hackstock. Da könnte ich Ihnen noch viele Beispiele nennen.

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Sind die Menschen heute anders als vor 200 Jahren?

Kirchturm:
Natürlich. Die Großfamilien gibt es nicht mehr. Volkslieder, die früher in den Stuben gesungen wurden und Geistergeschichten, die abends erzählt wurden, kennt heute keiner mehr. Damals gab es keine Autos, Fernseher, Kinos, Computer, CD- und DVD-Player etc. Die früheren Zeiten waren härter. Heute ist alles bequemer und einfacher. Leider sind die Menschen hektischer, nervöser und unzufriedener als früher. – Aber es gibt auch eine junge Frau im Dorf, die in der Kirche in der gleichen Bank wie schon ihre Urururgroßmutter zu Gott betet.

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Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?

Kirchturm:
Ich kann doch nicht reagieren auf Ereignisse. Ich stehe passiv da, kann nur zusehen, selbst nichts ändern. Wie es kommt, so kommt es. Spezielle Wünsche habe ich nicht. Ich bin sehr zufrieden und glücklich.

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Wie lange – glauben Sie – werden Sie noch leben?

Kirchturm:
Ich stehe unter Denkmalschutz. Ich rechne noch mit vielen hundert Jahren, denn das Denkmalamt, private Investoren und die Gemeindeverwaltung kümmern sich liebevoll um mich. Ich freue mich auf die nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte!

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Danke für das Interview!

Kirchturm:
Gerne. In 100 oder 200 Jahren kann mich das Internet gerne wieder befragen. Sicher habe ich dann interessante Neuigkeiten zu vermelden …

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