LYRIK VON HERMANN BAUER


Illustration: Franziska Kuo

Ein Schritt rückwärts = vorwärts

Ein chinesischer Reisbauer erklärte mir die Philosophie,
die hinter dem Reisanbau steckt:

Betrachte die Arbeitsweise der Reisfeldarbeiterinnen:
Sie beginnen im obersten, vordersten Feld in der ersten Reihe,
dann kommt die zweite Reihe dran, die dritte, vierte ...

Sind sie mit dem Feld fertig,
wird die darunter liegende Terrasse pikiert.
Sie arbeiten von oben nach unten,
von vorne nach hinten
und gehen dabei immer einen Schritt rückwärts.
Das Feld hat man jeder Zeit im Überblick.
So kommen sie schließlich ans gewünschte Ziel!

Glück und Erfolg kann man mit hastigem und
unüberlegten Vorwärtsrennen nicht erzwingen,
Man muss auch mal einen Schritt rückwärts gehen!

 

 
Illustration: Hermann Bauer

Ein Außerirdischer spielt „Yesterday“

Vor vielen Jahren ist er auf der Erde gelandet,
ein orientierungsloser Alien, in Liverpool gestrandet.
Eine tolle Musik durfte dieser Außerirdische dort hören,
mit Geschrei von kreischenden, langhaarigen Gören.

Es war Musik von John, Paul, George und Ringo.
Ein super Erlebnis – das gefiel ihm – bingo!
Er fackelte nicht lange und kaufte sich ein Klavier
und übte täglich, besessen wie ein Tier.

Heute lebt er wieder auf fernen Sternen
und versucht den Aliens Klavier zu lernen.
Dort spielt er Frank Sinatras „My Way“
und natürlich von den Beatles „Yesterday“.

 

 
Illustration: Julius Schultz

Mag ihr Hund auch Kinder?

Frau Binder führt ihren Hund Gassi
und begegnet der kleinen Babsi.
Diese fragt neugierig Frau Binder:
„Frau Binder, mag ihr Hund Kinder?“

„Ja, am liebsten die ganz Kleinen,
mit winzigen Händen und Beinen,
und lecker ist auch ein Kinderbauch,
aber Fleisch vom Metzger frisst er auch.“

„Frau Binder, ich spiele gern mit Hunden,
und anschließend lasse ich sie mir munden.
Am besten schmeckt mir ein Chow Chow,
entweder scharf oder süß-sauer – wow!“

 

 

Rauchen ist gesund

Mit Longlife-Zigaretten länger leben?
Ja, es ist wahr, so ist das eben.
Die Chinesen haben eine 4000 Jahre alte Kultur.
Die wissen es – Rauchen ist Gesundheit pur!

Die Krankenkassen sollten uns nicht ermahnen.
denn in sind Lungenkrebs, gelbe Finger und Raucherfahnen.
Unsere Politiker sind Ignoranten und Idioten.
Jetzt haben sie sogar Rauchen in Gaststätten verboten.

 

 
Foto: Hermann Bauer

Was für ein Baumsterben?

Ich sagte zu einen Chinesen in Shanghai:
„Es ist schlimm mit dieser Baumsterberei!
Umweltzerstörung ist der Tod der Natur
Tut endlich was, seid nicht so stur!“

Der Chinese schaute nur verwundert:
„Von diesen Bäumen gibt es schon über hundert.
Die sind aus Plastik, schön bunt, es ist ein Segen.
Plastikbäume brauchen überhaupt keinen Regen.

 

 
Foto: Hermann Bauer

Geld verdienen im Schlaf?

In China bin ich durch Einkaufsstraßen gelaufen,
denn ich wollte Raubkopien für 1 Euro kaufen.
Mehrere CDs hatte ich bereits in der Hand,
doch was sah ich dort vor dem Regal an der Wand?

 Die Verkäuferin schlief wie ein Murmeltier
und ich fragte mich: „Was mache ich jetzt hier?
Sollte ich sie erschrecken und aufwecken?
Oder vielleicht alles gratis einstecken?“

 Nein, ich legte die Ware wieder zurück ins Regal
Und dachte mir, das Ganze ist ohnehin nicht legal.
So ging ich brav zurück zu meinem Quartier
und bestellte mir in der Hotelbar lieber ein kühles Bier.

 Der Alkohol trug mich in das Reich der Fantasie
Plötzlich war alles um mich wie Poesie
Das wär ’s doch: Geld verdienen im Schlaf!
Aber wie geht denn das als Fotograf?

 

Altweibersommer hui, Hochsommer pfui

Dieser Sommer war wieder viel zu heiß.
Unter der Hitze litt auch scharenweis
der ganze Freundes- und Bekanntenkreis,
vom Baby bis zum Greis.

Wir mussten alle schwitzen,
von den Haar- bis zu den Zehenspitzen.
Viele sah man nur apathisch herumsitzen
und ihren Schweiß verspritzen.

Schön ist jedoch der Sommer der alten Weiber.
Denn ihn lieben nicht nur Lyrikschreiber,
sondern auch Abschreiber, Steuereintreiber,
Übertreiber – und sogar Teufelsaustreiber.

 

Schwierige Frage

Skifahrer wünschen sich Pulverschnee.
Schlittschuhfahrer hätten gerne
Kälte und Gewässer mit dickem Eis.
Autofreaks brauchen schneefreie Straßen.
Strom-, Gas- oder Ölsparer wollen warme Winter.

Die Frage ist nur, was erwartet der Auto fahrende
Ski- und Schlittschuhfahrer,
der gleichzeitig Energiesparer ist?.

 

Zukünftiges Quartier

Ich sehne mich nach Haus zurück
Dort, wo ich meine Kindheit verbrachte
Dort, wo ich spielte, sang und lachte
Wo die Vögel meine Freunde waren
Was Grillen zirpten, wollte ich erfahren

Oft saß ich nachts am Fenster
Schatten huschten wie Gespenster
Und dahin sehne ich mich zurück

In Gedanken kehre ich dort oft zurück
Doch meine Sehnsucht ist nur ein Traum
Ich kann niemanden mehr vertrau'n
Enttäuschungen fielen über mich her
Das Zuhause des Kindes gibt es nicht mehr

Als Greis muss ich nun auf neuen Wegen geh'n
Dunkle Wolken werden mit mir zieh'n
und mich in eine Sackgasse führ'n
Dort wartet der Tod hinter der schwarzen Tür.
Er führt mich zu meinem zukünftiges Quartier.

 

Ein Frankfurter Kind fragt: Wo ist Süden?

Der Vater antwortet:
Süden ist da, wo es warm ist.
Die Mutter meint:
Süden ist unten – zumindest auf der Landkarte.
Besser argumentiert der Lehrer:
Süden ist eine Himmelsrichtung,
die von überall auf der Erde auf den Südpol zeigt.
Der Mathematiker weiß es noch besser:
Süden bezeichnet eine Winkelhalbierende
zwischen Ost und West.

Das Frankfurter Kind versteht das alles nicht
und fragt einen Hamburger und einen Münchner.
Der Hamburger antwortet: Frankfurt liegt südlich.
Der Münchner antwortet: Frankfurt liegt nördlich.

Das Kind ist enttäuscht von den Erwachsenen
und will nicht mehr wissen,
ob Frankfurt im Süden oder im Norden liegt.

 

Witze Erzähler

Er ist ein Kenner von vielen
und vor allem guten Witzen.
Deshalb wird er gerne zu Partys
und Veranstaltungen eingeladen.
Jedes Fest wird mit ihm ein Erfolg.

Ein Stichwort reicht ihm,
dann haut er reihenweise Kaminkehrer,
Frösche und Politiker durch den Kakao.
Niemand kommt dabei heil davon.

Die Zuhörer stehen da mit offenem Mund
und heben sich vor Lachen die Bäuche.
Manch einer bekommt keine Luft mehr
und haut sich auf die Oberschenkel.
Bäche von Tränen fließen übers Gesicht ...

... und das alles wegen ein paar
Kaminkehrer, Fröschen und Politiker.


 

Keine Brücken hinter mir

Ein verblasstes Foto von ihr ist mir geblieben
Neben Erinnerungen an eine schöne Zeit
Diese Briefe hast du mir einst geschrieben
Doch deine Liebe dauerte keine Ewigkeit

All die Brücken hinter mir sind längst eingefallen
Es gibt keinen einzigen Weg mehr zurück
In den Flammen brennen nun deine Briefe
Zu Asche geworden ist auch mein ganzes Glück

Ich muss nun versuchen
Dich zu vergessen
Ich gehe deswegen
Auch fort von hier

Alles kann ich zerstören
Und alles verlassen
Nur nicht die Gedanken
Und diese Sehnsucht nach dir

 

 Was ich fühle ...

Was ich fühle nennt man Sehnsucht
Was ich spüre nennt man Einsamkeit
Was ich wünsche ist nur deine Liebe
Was mich quält ist die verlorene Zeit

Was ich höre klingt aus weiter Ferne
Was ich träume ist schon lange her
Was ich sehe sind nur fremde Sterne
Was ich will ist deine Wiederkehr

Rastlose Gedanken wie graue Wolken
Fliegen in die Ferne und suchen dort nach dir
Ruhende Felder und kahle Bäume
Längst bist du nicht mehr bei mir

 

 Die verlorene Kindheit

Der Wind spielt mit meinem silbernen Haar
er erzählt mir, wie schön meine Kindheit war
Die Wolken werden mit mir zieh'n
Vielleicht haben sie meine verlorene Zeit geseh'n?

 

 Furchen im Gesicht

Ein paar Fotoalben von früher sind mir geblieben
und Erinnerungen an eine schöne Zeit
das Leben hat Furchen in mein Gesicht geschrieben
ich will leben - noch eine Ewigkeit

 

 Herbst des Lebens

Jedes Alter hat seine Schönheit
Auch graues Haar birgt Heiterkeit
Im Herbst des Lebens ist man gekrönt
von Verständnis und Gelassenheit